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Montag, 18. Juli 2011, 18:52

'Big Brother ein mentaler Abenteuerspielplatz'

Psychologe Ulrich M. Schmitz betreut das RTL II-Format

Er ist mittendrin und doch nie dabei: Psychologe Ulrich M. Schmitz betreut seit der ersten "Big Brother"-Staffel die Kandidaten der umstrittenen TV-WG von RTL II. Abseits der 92 Kameras und 20 Mikrofone hilft er bei Heimweh, Krisen und Intrigen. "Die Bewohner sind dabei nicht meine Patienten, sondern meine Coachies", sagt der 54-Jährige. Im MEEDIA-Interview spricht der Kölner über den Spagat zwischen Kandidatenwohl und Produktionserfolg, die Kritik an seiner Arbeit und den perfekten Bewohner.



Herr Schmitz, wie wird man "Big Brother"-Psychologe?

Das war ein lustiger Zufall in meiner Stammkneipe. Die damals zuständige Redakteurin kannte mich und den Arzt daher und sprach uns an. Ursprünglich war ein ganz anderer Psychologe im Gespräch, der dann aber abgesprungen ist. Ich hatte bereits schon für die Talkformate von Hans Meiser, Margarethe Schreinemakers und Ilona Christen als Experte gearbeitet und brachte dementsprechend Berufserfahrung und eine Scheufreiheit zu den Medien mit. Die Praxis und das Fernsehen sind meine zwei Standbeine geworden. Die Interviewauftritte bei Schreinemarkers und Co. haben mir ein bisschen Taschengeld gebracht. Der erste Profitauftrag war "Big Brother" und dann kamen von Endemol noch einige andere Großaufträge. Da ist ein Profitgewinn draus geworden, den ich mir nie hab träumen lassen.



Seit elf Jahren sind Sie für das Format tätig. Wie sieht Ihre Arbeit bei "Big Brother" aus?

Es gibt zwei große Bereiche, für die ich zuständig bin: zum einen für die psychologische Voruntersuchung, also das Casting, und zum anderen für das Coaching während der Sendung. Letzteres läuft aber in der Regel nach Wunsch der Kandidaten und selten auf Wunsch der Redaktion. Ich bin auf Abruf tätig. Soll heißen: Wenn die Kandidaten ein Gespräch möchten, vermittelt die Redaktion einen Termin. Damit das innerhalb weniger Stunden möglich ist, habe ich meine Termine in meiner Praxis dementsprechend reduziert.



Wenn Sie für das Casting zuständig sind: Welche Eigenschaften muss der perfekte "Big Brother"-Kandidat mitbringen?

Es gibt nicht den perfekten "Big Brother"-Kandidaten. Alleine aus dem Grund, weil wir ja vorher nicht bestimmen können, wie es mit der Gruppendynamik läuft. Wir hatten Bewohner, die freiwillig rausgegangen sind, von denen ich aber überzeugt war, dass sie in einer anderen Gruppenchemie bis zum Schluss geblieben wären. Das kennt jeder von uns: Es gibt Gruppen, die mit uns über einen Witz lachen, und es gibt solche, die über denselben den Mund verziehen. Diese Unwägbarkeiten machen das Projekt spannend und unvorhersehbar.



Dann gibt es aber doch die perfekte Gruppe.

Perfektion gibt es nicht als naturgesetzt. Das ist ja immer wieder eine Produktion. Es gibt für die eine oder andere Gruppe vielleicht einen optimalen Zustand von Gleichgewicht und Harmonie, Friede, Freude und ein bisschen Eierkuchen. Aber perfekt ist gar nichts. Das, was wir im Haus sehen, ist so etwas wie die Instant-Version unseres Alltags. Es ist die sicherlich auch emotional verstärkte Version von alldem, was unser Zusammenleben auch außerhalb des Hauses ausmacht.



Was sind die Anliegen der Kandidaten, wenn sie ein Vieraugen-Gespräch mit Ihnen suchen?

Oft sind es Heimweh-Probleme. Nicht nur, dass man eine Person vermisst, sondern auch, dass man das vertraute Umfeld nicht mehr um sich hat. Man kann nicht ins Kino, nicht auf die Straße gehen. Das ist der eine Teil der beschnittenen Freiheit. Der andere betrifft die ganzen Beziehungsstrukturen, von denen man erst im Haus erfährt, wie wichtig sie sind. Da gibt es Bewohner, die sich von diesen Bindungen zu ihren Familien und Freunden eher distanzieren und pausieren können. Und dann gibt es Bewohner, denen es zunehmend wichtig wird und denen es existenziell zu fehlen scheint, von den vertrauten Personen Halt und Zuspruch und den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Ein Feedback, dass das, was er gerade macht, auch richtig ist. Das führt dann zur Unsicherheit: Wie wirkt das eigene Verhalten auf die Zuschauer draußen? Der Bewohner kann also nicht mehr viel aus sich selbst heraus schöpfen und einschätzen, ob alles in Ordnung ist. Er verliert diesen Konrad Adenauer-Gedanke: Was stört mich mein Geschwätz von gestern? Sondern umgekehrt: Jedes gesprochene Wort wird auf die Goldwaage gelegt, der Bewohner gerät unter Druck.



Was ist dann zu tun?

Oft ist dann ein Telefonat mit Freund, Freundin oder Mutter notwendig, um wieder zu sich zu finden. Das wird aber nur zu ganz besonderen Anlässen erlaubt und dann auch nur im On. Das ist Bedingung. Meistens sind das auch Vorboten von freiwilligen Exits. Weiterhin sind die Spannungen, Zerwürfnisse, Liebesstories und die aufkommende Langeweile im Haus auch Gesprächsgegenstand.



Wie oft werden Sie um Hilfe gebeten?

Das kann man überhaupt nicht messen. Ich bin jeden Montag im Backoffice der Show. Ansonsten immer auf Abruf, was auch mal nachts, am Sonntag oder Feiertag sein kann. Dann wird der Fahrradausflug mit der Familie auch mal unterbrochen.



Wie gehen Sie es an, wenn Sie sehen, dass jemand im Haus intrigiert und sich damit zum Außenseiter macht? Greifen sie dann ein?

Bei meinen Einlassungen geht es nicht um Durchhalteparolen oder Beschwichtigungen. Das wären kognitive, pädagogische Interventionen. Wenn so etwas passiert, dauern die Gespräche meistens auch länger. Im ersten Schritt muss ich dann die Gefühlswelt auffangen, in der sich der anderen gerade befindet. Derjenige hat mit mir quasi die Möglichkeit, im Off - also ohne Ton und Film - frei Schnauze zu reden und seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Und das höre ich mir genau an, auch die Zwischen- und Untertöne. Je nach Reflexionsvermögen versuche ich mit dem Kandidaten aufzuarbeiten, worum es nun eigentlich bei seinem Anliegen geht. Dadurch, dass wir uns auch vorab intensiv mit der Lebensgeschichte der Bewohner auseinandergesetzt haben, gibt es meistens Brücken zu den ein oder anderen Lebensdetails. Daraus können sich dann Einsichten und Haltungs- sowie Verhaltensänderungen ergeben, in dem sich der Bewohner dann vielleicht etwas zurücknimmt oder in die Offensive geht. Die Bewohner sind dabei nicht meine Patienten. Es ist eine Beratung, sie sind meine Coachies sozusagen. Und diese Arbeit ist natürlich keine Kassenleistung.



In welche Interessenskonflikte geraten Sie bei der Arbeit? Einerseits wollen Sie nach Kandidatenwohl urteilen, andererseits wollen Sie auch für eine erfolgreiche Staffel sorgen, die nicht ohne Spannungen innerhalb des "Big Brother"-Hauses auskommt. Überreden Sie die Bewohner, zu bleiben?

Überreden ist falsch. Und wenn ich das machen würde, würde ich es auch genau so sagen. Es ist von mir und von meiner Profession sicherlich oft auch ein extremer Spagat. Das ist ohne Zweifel so. Am Anfang der Staffel bin ich dazu auch von meinem Berufsverband kritisiert worden.

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Montag, 18. Juli 2011, 18:53

2. Teil

Wie lautete die Kritik?

Sie konnten nicht verstehen, warum ich dieses Projekt überhaupt unterstütze. Auch Kurt Beck, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident, hat Wind gemacht. Bei der ersten Staffel stand mein Telefon vor lauter Presse-Anfragen nicht still. Die Fragen wie die Kritik zielten darauf ab, "Big Brother" mit einem Knast zu vergleichen, die Voyeurismus-Debatte war intensiv und Fragen nach Exhibitionismus und Ausbeutung wurden gestellt. Es ist in dieser Gesellschaft und von uns Menschen üblich: Wenn man irgendwo einen Sündenbock sieht, ist es ein leichtes, den auch mit Mist zu beschmeißen. Auf der anderen Seite: Die Reflexion, dass "Big Brother" auch nur eine Produktion und damit ein Spiegel unserer Gesellschaft ist, fand nur ganz selten statt. Ich habe nie gesagt, dass man "Big Brother" gutheißen soll. Ich plädiere dafür, das wirklich kritisch zu diskutieren. Aber nur zu sagen, dass die Bewohner abartig und doofe Proleten sind, das stimmt so einfach nicht. Man muss solche Formate differenzierter betrachten. Nun muss man aber auch mal was anderes berücksichtigen: Die Bewohner sind nicht dort reingetrieben worden wie eine willenlose Schafsherde, sondern sie sind von einer Motivation beseelt, von der wir uns auch überzeugt haben. Und wenn es um Exit geht, dann rede ich mit den Bewohnern über ihre Eingangs-Motivation, denn die ist ausschlaggebend für das Projekt.



Vor allem auf sogenannte C-Promis strahlt "Big Brother" eine Anziehungskraft aus. Unter den aktuellen Bewohnern sind mehrere ehemalige DSDS-Kandidaten. Was ist ihre Motivation, bei so einem Format mitzumachen?

Ob C-Promi oder nicht: Es geht immer darum, dass man sich so darstellen kann, wie man wirklich ist. Zu zeigen, dass man sich durchschlagen und kämpfen kann. Es gibt ja viele sportliche Herausforderungen, die man machen kann. Aber "Big Brother" ist ein mentaler Abenteuerspielplatz, auf dem ich mich beweisen muss und mit Menschen zusammenlebe, mit denen ich im normalen Leben nie zu tun haben würde oder haben wollen würde. Gerade in der aktuellen Staffel sind Menschen im Haus, die in sehr eigenen Welten leben, was die Sendung sehr spannend macht.



Begleiten Sie die Kandidaten auch nach der Sendung weiter?

Es hat sich so entwickelt, dass nach dem Auszug ein kurzes Gespräch stattfindet. Ansonsten haben alle Bewohner seit der ersten Staffel die Möglichkeit, weiter mit mir in Verbindung zu treten, wenn sie beraten werden möchten. Davon ist aber bisher nur in ausgesprochen seltenen Fällen Gebrauch gemacht worden.



In der aktuellen Staffel "The Secret" hat jeder Bewohner ein Geheimnis, das es zu bewahren gilt. Stellt dieses Spiel die Kandidaten vor eine besonders psychische Herausforderung?

Im Gegenteil, das bietet ja auch ein Stückchen Halt. Dieses Spiel mit dem Vertrauen ist etwas, das ich sehr belebend finde und es ist eine Aufgabe, die die Bewohner über die Staffel tragen kann. Ich halte das für hilfreich.



RTL II hat beschlossen, die aktuelle Staffel, die ursprünglich 100 Tage dauern sollte, um einen Monat zu verlängern. Ist das eine Belastung für die Kandidaten?

Für Lisa Bund war das wohl auch der entscheidende Grund, auszusteigen. Für sie ging es nicht mehr weiter. Das ist schon ein gewisser Riss, weil man für sich ja auch einen inneren Plan hat. Man kalkuliert für sich die Zeit: Wie viele Nominierungen kommen noch, wie viele Exits? Ist das für mich noch auszuhalten? Dann ziehen zwischendurch noch neue Bewohner ein, mischen alles durcheinander und der Status als Ur-Bewohner wird bedroht. Das führt alles zu einer Verunsicherung.



Sie müssen allein aus beruflichen Gründen "Big Brother" einschalten. Würden Sie dies auch als Privatperson tun?

Nö, da mache ich auch keinen Hehl draus: Ich bin überhaupt kein Soap-Gucker. In meiner Kindheit habe ich "Fury", "Lassie" und "Flipper" geguckt, heute sehe ich gerne "CSI" und "Tatort". Ich brauche immer etwas mit geschlossenem Ende. Aus dem Grund mag ich Soaps nicht. Dieses Endlose macht mich wahnsinnig. Früher, bei der ersten Staffel von "Big Brother", hätte ich sicherlich mal eingeschaltet, nur um mich darüber zu informieren.



Die Vieraugen-Gespräche bei "Big Brother" würden doch bestimmt den Stoff für eine eigene Sendung bieten, oder?

Nein, das darf man nicht zeigen. Und es wird auch nicht aufgezeichnet, weder Bild noch Ton. Die Mikrofone werden von der Redaktion sichtbar ausgeschaltet, in dem die Akkus vor allen Augen rausgenommen werden. Das ist enorm wichtig, damit es nicht zu Indifferenzen kommt. Es ist Vertrauen gegen Vertrauen, und das wird auch nicht missbraucht.
Ich hatte schon mal vor, ein Buch über diese Situationen zu schreiben. Nach der ersten Staffel hatte ich auch ein Skript geschrieben, aber der Verlag fragte genau nach den Dingen, über die ich nicht berichten darf. Das verbietet mir die Schweigepflicht. Wenn der Bewohner mir in einer Off-Situation gegenüber sitzt, ist seinerseits die Kontrolle weg. Ich habe auch schon mal Beratungen im On gemacht. Ich muss dann auch höllisch aufpassen, dass ich die Kandidaten nicht dahinführe, worüber sie eigentlich nicht sprechen wollen.



Sie sind bei "Big Brother" weder zu sehen noch zu hören. Wären Sie auch gerne selbst vor der Kamera?

Das habe ich schon oft gemacht und ja, wäre ich. Mein größter Wunsch wäre ein Format, in dem es nur um Psychologie geht, in dem Phänomene erklärt und in Szene gesetzt werden. Das gibt es als Ärztesendungen zuhauf. Nur solche Psych-Sendungen gibt es überhaupt nicht. Das wäre mein Traum.



Interview: Christine Lübbers
18.07.2011




Quelle: http://meedia.de/fernsehen/big-brother-i…2011/07/18.html