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Dienstag, 3. Mai 2011, 15:15

„Big Brother“ - Wenn man sich Zlatko herbeisehnt

Von Kevin Körber


„Big Brother“ ist in die elfte Staffel gestartet und wartete am Montagabend mit wenig Liebe zum Detail, einer sich in die Länge gezogenen Live-Show und 15 gewöhnungsbedürftigen Kandidaten mit 15 öden bis wenig spektakulären Geheimnissen auf.

Wenn man sich auf „Big Brother“ einlässt, weiß man in der Regel, was einen erwartet. Schließlich hat es die Realityshow inzwischen in eine elfte Staffel geschafft. Das könnte man durchaus für ein Qualitätsmerkmal halten, doch davon ist „Big Brother“ weit entfernt. Dennoch lassen sich mit der Dauerbeobachtung der durch und durch extrovertierten Bewohner noch so hohe Einschaltquoten einfahren, dass man sich beim Münchner Sender RTL 2 zufrieden zeigen kann. Sicherlich ein entscheidender Faktor, der letztendlich dazu beigetragen hat, den großen Bruder erneut ins Programm zu hieven.

Am gestrigen Abend läutete RTL-2-Showgesicht Sonja Zietlow als Vertretung für „Big Brother“-Moderatorin Aleksandra Bechtel die elfte Staffel ein. Relativ unspektakulär anmutend und ohne jeglichen Charme und Wiedererkennungswert, wurde im Coloneum in Köln-Ossendorf spartanisch eine Bühne errichtet. Viel Show- und Effektlicht hier, jubelnde Angehörige der Bewohner da und dazwischen die Kandidaten, die zunächst sektenartig in einer dunklen Kutte und mit Mona-Lisa-Maskerade über den roten Teppich in ein abgedunkeltes und mit Kerzen dekoriertes Nachbarstudio gebracht wurden. Dort wurden sie von Big Brother höchstpersönlich nach und nach gebeten, ihre Identität zu lüften. Viel Tamtam um nichts.


Natürlichkeit: Fehlanzeige

Schon ab diesem Moment der Auftaktsendung zeigte sich, was sich im Laufe der Show und mit den Vorstellungsfilmchen der Kandidaten weiter bestätigte: Mal wieder ist es dem Castingteam der Produktionsfirma Endemol gelungen, Kandidaten rauszufischen, die möglichst nicht dem entsprechen, was man unter Otto-Normal-Bürger versteht. Schrille, schräge und laute Typen. Aber man kann es den Machern nicht übel nehmen, schließlich sollen die Charaktere polarisieren, sich aneinander reiben und so dem Zuschauer nicht nur viel Amüsement sondern auch Angriffsfläche bieten.

Schon nach einigen Minuten zeigte sich, dass bei „Big Brother“ inzwischen nicht mehr die Menschen „wie Du und ich“ im Fokus der rund 90 Kameras im Haus stehen. Vielmehr wurde aus dem Format zum Teil ein Auffangbecken für ehemalige und gescheiterte Casting- und Reality-TV-Existenzen. So finden sich unter den Kandidaten unter anderem „DSDS“- und Dschungelcamp-Teilnehmerin Lisa Bund, der ebenfalls aus „DSDS“-Castings und Nachmittags-Dokusoaps bekannte „Checker von Neckar“ namens Cosimo oder das selbsternannte It-Girl Valencia Vintage, die sich früher als Mann unter dem Namen Florian Stöhr bereits in zahlreichen Boulevard-Magazinen zur Schau stellte.

Der erste Ab- und Umschaltreflex trat bereits ein, als Valencia als erste das bunte und schräge „Big Brother“-Haus betrat. Selbstgesprächeführend irrte sie durch das im Coloneum errichtete Reich und klagte erst mal ordentlich über die Innenausstattung. Alles viel zu schrill. Wer das eingerichtet hat, gehört gefeuert, zieht die luxusverwöhnte Valencia nasal nuschelnd vom Leder. Darauf erst mal ein Schluck Prosecco für die „ewig 19-Jährige“.

Es wurde und wurde nicht besser. Fortan zog sich die Einzugsshow, die satte drei Stunden lang dauerte, wie Kaugummi. Nacheinander bestimmte der große Bruder via verzerrter Stimme aus dem Off, wer einziehen darf. Insgesamt 30 Bewerber standen aufgereiht im dunklen Studio, nur 15 durften letztendlich in das Haus. Der Fünfzehnte wurde dabei via Blitz-Voting vom Zuschauer auserkoren. Auf welcher Grundlage jedoch die 14 Kandidaten zuvor bestimmt wurden und wieso die restlichen Bewerber ausschieden und nicht dabei waren, blieb für den Zuschauer im Verborgenen. Der Verdacht liegt nahe, dass man bei Endemol von Anfang an wusste, wer einziehen darf und wer nicht. Wurde der Name eines Bewerbers genannt, der mit seinen sieben Sachen ins Haus durfte, ertönte von nebenan frenetischer Jubel. Schließlich hatte jeder seine Freunde und Verwandte dabei. Verkündete Big Brother jedoch das Aus eines Kandidaten vor dem eigentlichen Einzug, so konnte man der Stille des Publikums lauschen. Offenbar wurden Angehörige hier gar nicht erst eingeladen.



Auffallende Kandidaten, öde Geheimnisse

Wie einige der vergangenen zehn Staffeln, bringt auch der elfte Aufguss von „Big Brother“ eine Besonderheit mit sich. Trug die Sendung bisher Untertitel wie „The Battle“, „Himmel und Hölle“ oder „Das Dorf“, heißt es 2011: „The Secret“. Jeder Bewohner hat ein ganz persönliches Geheimnis, welches er so lange wie möglich für sich bewahren muss. Zugleich müssen die Geheimnisse der restlichen Bewohner gelüftet werden. Geschieht dies, so wird der enttarnte Bewohner automatisch auf die Nominierungsliste gesetzt und läuft Gefahr, die WG verlassen zu müssen. Der Kandidat, der ein Geheimnis aufdeckt, erhält umgehend ein Ticket ins Finale.

Das hört sich auf dem Papier und in den Pressemitteilungen des Sender soweit ganz spannend an. Doch RTL 2 überraschte dann am Montagabend mit Geheimnissen, die größtenteils von solch trivialer Natur sind, dass man sie getrost in die Ablage „L“ wie „Langweilig“ einsortieren kann. So fürchtet sich Kandidatin Ingrid im Dunkeln, die dralle Blondine Jordan hat Angst vor Spinnen, Checker Cosimo sammelt Briefmarken, „DSDS“-Zicke Lisa Bund hat den Tick, alles drei Mal machen zu müssen und Schönling David war als Kind dick und wurde deshalb gemobbt. Getoppt werden diese Geheimnisse dann nur noch von Rene, der 2005 Mister Sachsen war und von Rayo. Er ist nämlich mit seinem Schutzengel Circe ins Haus gezogen.

Dagegen wirken Steve, der als Maulwurf eingezogen ist und vom großen Bruder gestellte Aufgaben erledigen muss, ohne dass die restlichen Kandidaten davon Wind bekommen, oder das Ehepaar Fabienne und Tim, die verbergen müssen, dass sie sich kennen und verheiratet sind und auch nicht im Haus vorspielen dürfen, sich frisch ineinander zu verlieben, geradezu spannend und nervenaufreibend.

Bis die Maske fällt

Nach drei Stunden „Big Brother“-Auftaktsendung sehnte man sich fast schon einen Zlatko herbei. So gelang es streckenweise, den Intellekt eines klassischen RTL-2-Zuschauers zu unterfordern. Zwar legte Sonja Zietlow eine wie gewohnt solide Moderation der Show hin, Flair und Stimmung wollten jedoch an diesem Abend nicht aufkommen. Daran konnten selbst Culcha Candela und Die Atzen als Showacts wenig ändern.

Insgesamt wirkt die zusammengewürfelte Truppe bestehend aus 15 Kandidaten, viel zu unruhig, zu extrovertiert und zu aufgesetzt. So kann man es „Big Brother“ nur zugute halten, dass dies für eine Auftaktsendung nichts Außergewöhnliches ist. In beinahe jeder Staffel hatte man anfänglich dieses Das-geht-gar-nicht-Gefühl. So bleibt der einzige Lichtblick, dass die einzelnen Charaktere erst über die kommenden Tage und Wochen ihre Masken und ihr anfängliches Schauspiel Stück für Stück ablegen. Und es wäre nicht das erste Mal, wenn man als Zuschauer die ein oder andere Überraschung erleben wird und eingestehen muss, sich in manch einer Person getäuscht zu haben. Dennoch zählte am Montagabend der erste Eindruck, der bis auf wenige Ausnahmen wie Lisa Bund, Hedia oder Fabienne negativ ausfiel.

100 Tage lang wird man das Geschehen im neuen „Big Brother“-Haus nun verfolgen können, am Ende winkt dem Sieger eine Prämie in Höhe von 100.000 Euro. Die Einführung von Schmerzensgeld für den Zuschauer wäre nach dieser Startsendung allerdings auch eine Überlegung wert.

In seiner Kolumne „Abgesetzt“ wirft newsecho.de-Redaktionsleiter
Kevin Körber einen kritisch-amüsierten Blick auf das Drunter und Drüber der Medienwelt.




Quelle: http://www.newsecho.de/meinungen/kolumne…tko_herbeisehnt